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#AlleEpisode

Wo fängt (mein) Deutschland an?

Wie gut muss ich als Migrantin die Sprache kennen, mich den regionalen Besonderheiten anpassen oder mich mit der deutschen Geschichte oder deutsche Traditionen auseinandersetzen? Und, was hat das alles mit Tourismus zu tun?

Jo, jo, jo, Klaun, klaun, Äppel wüllt wi klaun,
ruck zuck övern Zaun,
Ein jeder aber kann dat nich, denn he mutt ut Hamborg sein…

Mein Mann singt dieses norddeutsche Volkslied für unsere Tochter. Ich singe gerne mit, obwohl ich weder Töne noch Text treffe. Klar, ich kann kein Plattdeutsch. Ich verstehe ein paar Floskeln. Wat mut, dat mut. Tja, nu…Wat schas mocken…oder so? Aber ich muss sagen:  ich finde mich entzückend, wenn meine Tochter mal das Lied summt und ich, falls mein Mann nicht gerade ums Eck springt, mitanstimme. Ein Lied „op Platt“ und mit French-Touch! Das muss man erst mal hinkriegen! Mein Mann hat einen Akzent, er auch. Das weiß er schon lange, erlebt es allerdings erst seitdem er in Süddeutschland lebt. Hier ist er ein anderer Deutscher als dort, in seiner Heimat. Ich höre  immer wieder den Satz „Sprache ist Heimat“. Was heißt das? Ich verstehe es nicht. Ich habe es gegoogelt, so wie ich es oft mache, wenn ich etwas nicht verstehe. Die ersten Ergebnisse zeigen ein Video von Herta Müller. 2011 las sie bei einem Kongress der Union (CDU/CSU) namens „Sprache ist Heimat“. Sie spricht über die Sprache, über die Muttersprache und die Rolle der Sprache bei politischer Unterdrückung und Vertreibung. Sie sagt „Jede Sprache sieht die Welt anders“ und spricht viel besser als ich es je machen könnte über die Rolle der Sprache für Migranten und für Geflüchtete. Ich empfehle sehr ihren Worten in Ruhe zu lauschen. (Link zum Video Herta Müller über die Sprache als Heimat). Ich musste nicht meine Muttersprache verlassen. Ich musste nichts verbergen. Ich kann stolz auf deutschen Straßen Französisch sprechen, mir wird nichts passieren. Ich muss aber die Sprache hinterfragen, denn meine Sprachen sind vielfältiger geworden. Außerdem scheint die Sprache, ein Schlüssel zur sogenannten Integration zu sein. Ich vermute, dass jemand anders angeschaut oder wahrgenommen wird, wenn er arabisch oder russisch auf einer deutschen Straße spricht. Die Sprache ist nicht von ungefähr, sie ist bedeutungsvoll. Sie formt unsere Denkweise und formt uns. Sie ist in diesen Zeiten von wiederholter Hetze sehr wichtig, wir müssen sie weiterhin beobachten und in Frage stellen.

Man muss Deutsch sprechen, um Deutsch zu sein…?

Ich hatte meinen ersten Text an einige Freund*innen geschickt und ein paar Fragen zu meiner bevorstehenden Einbürgerung gestellt. Eine Frage ging um die Vorrausetzungen, um Deutsche zu sein. Ein gemeinsamer Nenner bei vielen Antworten war die Sprache. Es stimmt. Die Sprache des Landes in dem man lebt, muss man können. Aber ist dieses Bild von einer alleinigen einzigen Landesprache nicht veraltet bzw. auf einer engen Weise nationalistisch geprägt. Es gibt ja jede Menge Länder, in denen die Menschen täglich mehrere Sprachen sprechen, in denen Mehrsprachigkeit gang und gäbe ist. Auch nicht weit weg: in Belgien oder in der Schweiz zum Beispiel. In Freiburg liegt die Zahl der mehrsprachigen Kinder bei ca. 40 Prozent. Ihre Welt ist mehrsprachig, für sie ist es normal von einer Sprache in die andere hin und her zu wechseln. Ihr Weltbild ist ein anderes als das, das für viele Erwachsene als „normal“ gilt.

Meine Freunde fragte ich auch „Findest du, ich bin schon längst Deutsch?“. Zwei Freundinnen antworteten „Wir  finden du bist natürlich schon lange Flensburgerin. Und daher natürlich Norddeutsche. Ob du auch schon Freiburgerin bist, wissen wir nicht genau. …“. Es sei dahin gestellt, ob ich nun auch eine Süddeutsche bin. Mir wurde einmal hier in Südbaden gesagt: „Du bist eine, wo richtig gut Deutsch kann.“ Stimmt! Ich kann außerdem Hochdeutsch. An der Antwort meiner Freundinnen gefällt mir eine Tatsache, die in Deutschland aber auch in jedem Land stimmt: wir sind kein Volk, das innerhalb der nationalen territorialen Grenzen eins und unteilbar ist. Vielmehr prägen uns sehr übersichtliche, lokale Ereignisse und Erlebnisse. Wir sind eine Vielfalt von Menschen, die mehr oder weniger zufällig, eher durch politische Einflüsse und im Laufe der Geschichte zu einem Land zusammengeführt worden sind. Grenzen sind eine geschichtlich gesehen sehr instabiles Konstrukt. Ob ich die deutsch-dänische oder die deutsch-französische Grenze betrachte, sind diese erst kürzlich entstanden. Ich lese mal wieder im Internet: erst 1907 hat Dänemark die Grenze zu Deutschland anerkannt. Nach vielen Hin und her wurde das ehemalige Elsass-Lothringen, das während dem zweiten Weltkrieg nicht nur besetzt sondern annektiert wurde, erst 1944 nun endgültig Französisch.

Vor drei Jahren habe ich in einigen französischen Grundschulen Theater-Projekte durchgeführt. Allesamt in sogenannten bilingualen Klassen. Die jungen Elsässer*innen lernen nun wieder Deutsch. Oft ist es so: die Großeltern sprechen manchmal noch Elsässisch oder Deutsch oder beides, die Eltern nicht mehr… und die jungen Europäer*innen lernen es nun wieder. Zwischendurch verheimlichten viele Bewohner*innen ihre Kenntnisse der deutschen Sprache – aus Scham, aus Angst vor Vergeltung oder Ressentiment oder um zu vergessen. Die Spuren des zweiten Weltkrieges sind in dem Elsass noch spürbar schmerzhaft. Umso schöner ist es, wenn die heutigen Kinder über die Grenze hinaus schauen und mit mehreren Sprachen aufwachsen. Es ist zugleich Ausdruck und Ergebnis der langjährigen deutsch-französischen Freundschaft. Ein langwieriger Versöhnungs- und Annäherungsprozess, der inzwischen beispielhaft für viele andere Grenzregionen ist. Schade, finde ich dagegen, dass das Erlernen der französischen Sprache in der deutschen Grenzregion ab dem nächsten Schuljahr nicht mehr ab der 1. sondern erst ab der 3. Klasse möglich und optional wird. Grund hierfür ist der Lehrkraft-Mangel. Man kann sich die Frage stellen, ob es zeitgemäß ist, Fremdsprachen aus der Grundschule heraus zu streichen? Gleichzeitig kann man sich die Frage stellen, ob Französisch noch eine ach so große Rolle für deutsche Grundschulkinder spielt? Sprechen nicht die heutigen deutschen Kinder längst andere Sprachen? In meine Augen wäre der Erhalt der Fremdsprachen in der Grundschule ein gutes Instrument, um die kulturelle und sprachliche Vielfalt eines Landes von Anfang an zu stärken. Es wäre ein gutes Instrument, um womöglich Kinder, die „nur“ Deutsch sprechen, eine zweite Sprache zu geben, um Mehrsprachigkeit als eine Tugend zu fördern.

Was Sprache über uns erzählt?

Ich habe einen starken Akzent. Lange glaubte ich für Fremdsprachen nicht so begabt zu sein. Es wurde mir nachhaltig eingeredet. Mal von einem ziemlich schlechten Englisch-Lehrer, mal von Menschen, die ihre Zugehörigkeit anscheinend an ihrem Akzent messen, Deutsche und Franzosen, mal von mir selbst – meine Familie sei ja einsprachig. Erst vor kurzer Zeit erkannte ich, dass mein Vater zweisprachig ist, dass unsere Familie stets zwischen Sprachen wechseln konnte. Meine Großeltern drückten sich noch überwiegend in einem normannischen Dialekt aus, mein Vater spricht etwas dazwischen, ich verstehe es zum Großteil, die nächste Generation (meine Nichten und Neffen) benutzt diese vergangene Ausdrucksweise nicht mehr. Um in meinem französischen Herkunftsort „ich auch“ zu sagen, sagen wir im Französischen „moi aussi“ aber auch oft auf normannischer Art „me itou“. Mein Vater, der ja nun definitiv kein English spricht und lange einen unbegründeten, völlig idiotischen leichten Hass gegenüber Engländer*innen pflegte, kam vor ein paar Jahren begeistert von einem Ausflug zu den englisch-normannischen Inseln zurück. Ihr Dialekt sei ja beinah derselbe wie seiner… Was für eine Entdeckung!  Plötzlich sprachen wir also fast englisch. Es ist ja nicht verwunderlich. Die Normandie und ihre Geschichte sind eng mit der englischen Geschichte verbunden. Der Name ist Programm: die Region bildete sich als Einheit durch die Invasionen der Wikinger. Vor sehr langen Zeit allerdings, ungefähr 1000 Jahren. Die Normandie pflegt bis heute ihr Selbstbild als tolerant und politisch moderat, obwohl die Wikinger für ihre Brutalität berühmt waren. Ein französischer Spruch bringt es auf dem Punkt und beschreibt wortwörtlich Unentschlossenheit als eine normannische Antwort. „Tet ben qu’oui, tet ben qu’non“ – sagen also die Normannen. Das heißt so viel wie „vielleicht ja, vielleicht nein“ – wer weiß es schon?“. Diese Erzählung – heutzutage wurde man sagen, dieses Storytelling – zeigt sich identitätsstiftend. Obwohl die regionale Identität nicht so ausdrucksstark wie vergleichsweise in der Bretagne ist, bildet eine weit entfernte Geschichte die Grundlage für eine moderne Erzählung der Identität in der Normandie. Die Region wird nun inzwischen eher für ihre Gemäßigkeit und ihre Weltoffenheit gefeiert. Die Pflege dieses Bildes hängt selbstverständlich auch mit der Vermarktung der lokalen Identität durch die Tourismusbranche zusammen und folgt wirtschaftlichen Interessen. Eine ähnliche Entwicklung kann man auch sehr leicht in Norddeutschland und in meiner geliebten deutschen Heimatstadt Flensburg beobachten. Schleswig-Holstein ist nun das Land zwischen den Meeren, aber vor allem auch der echte Norden… Fragt sich nur, wo der falsche Norden liegt? Und auch, was diese Marketing-Kampagnen in der Bevölkerung für Erzählungen hinterlassen? Ist „echt“ Norddeutsch nur wer platt kann? Womöglich sich als Wikinger identifiziert? Zugegeben manche Freund*innen vor allem aus Angeln, der hügeligen Halbinsel zwischen der Flensburger Förde und der Schlei bei Schleswig, sehen tatsächlich ein wenig wie Wikinger*innen aus – oder zumindest das was ich mir drunter vorstelle. Dort liegt auch die bedeutende ehemalige Wikinger-Siedlung Haithabu und ihr touristisch attraktives Museum. Interessanter Weise lese ich auf Wikipedia folgendes über Angeln: „Angeln stellte zu keiner Zeit eine politische Einheit da. Dennoch nennen sich die Menschen dort Angelner oder Angeliter (angelboer) und pflegen eine damit verbundene Identität. „

Was ist also identitätsstiftend? Die Sprache, die Geschichte, die Landschaft oder unsere Erzählung der Gegenwart? Etwas dazwischen.

Einen Freund, der aus dieser Gegend kommt, habe ich in den ersten Jahren unserer Freundschaft – er war mein Mitbewohner – nie verstanden. Sprachlich, meine ich. Er ist Segler, war zu der Zeit viel in Dänemark unterwegs und hat außerdem einen etwas sarkastischen Humor. Erschwerend kam hinzu, dass ich in dieser Wohngemeinschaft in Flensburg mit ihm und zwei seiner langjährigen Freunde aus ebendiesem Angeln landete. Alle drei, besonders er, sprachen eine Art Kauderwelsch aus Plattdeutsch, Deutsch und Dänisch. Obwohl ich sie sprachlich meist kaum verstanden habe, hat uns schnell etwas anderes verbunden: vielleicht ein Lebensgefühl? Etwas, was wir uns meist durch Blicke sagten. Zugegeben manchmal vielleicht auch der etwas gemeinsame tiefe Blick ins Glas… Dass ich mich dem Norden, dem Echten, verbunden fühle, hat aber wenig mit der frühen Geschichte der Wikinger zu tun. Selbst wenn ich es in mein persönliches Storytelling aufgenommen habe, wenn ich meine Identität damit weiter erzähle oder wenn ich in den Ortsnamen meiner heimatlichen Region die Spuren der Wikinger auflese, es ist nur eine Erzählung. Was meine ich damit? Die Ortsnamen der Normandie sind durch und durch Zeuge der Geschichte und tragen ein Hauch alt skandinavischer Sprache in sich. „Mein“ Strand, der Familienstrand, wahrscheinlich der Ort, den ich mir am meisten verbunden fühle auf dieser Erde, trägt der Name „Tocqueboeuf“. Wir sagen sowas wie „Tok‘bö“. Ein wichtiger Wikinger hatte sich in der Gegend etabliert. Er hieß „Tóki“ und hinterließ seinen Namen. Der zweite Teil des Namens hat mit dem französischen Wort „Boeuf“ (Rind) nur scheinbar zu tun. In der Tat handelt es sich um eine alte Form des Wortes „by“, das im Dänischen Stadt oder Ort bedeutet. Genau der selbe Klang findet sich in Schleswig-Holstein wieder, in der Nähe von Flensburg, nicht nur in Haitabu, sondern auch in Husby, Meldeby, Nieby, Brodesby, Ueslby, Fleckeby, usw. usf. Der Wikinger hinterließ auch den Name „Tocqueville“. Jener Ort, aus dem die Adel-Familie von Alexis de Tocqueville stammte. Auf ihn komme ich ein anderes Mal zurück. Wäre ich als Erasmus-Studentin anderswo gelandet, hätte ich bestimmt eine andere Erzählung gefunden, wäre einer anderen Spur meiner ganz eigenen Geschichte gefolgt.

Meine Zugehörigkeitsgefühle zum echten Norden hangen sicherlich viel mehr mit den vielen Freundschaften zusammen, die ich dort pflege, als mit der Geschichte der Wikinger vor – ich wiederhole – ungefähr tausend Jahren. Diese Gefühle hängen eher mit dem Meer und mit einer bestimmten Haltung zusammen, die ich damit verbinde. Am Meer ruht man in sich, in den Bergen wandert man immer weiter… So mein Eindruck nach mehreren Jahren in der Nähe des Schwarzwaldes und seinen Bergen. Vielleicht erzählen Landschaften viel mehr über uns als Sprachen oder Nationalitäten? Vielleicht finde ich mehr Gemeinsamkeiten mit großgewachsenen  Angelitern um ein Glas Flensburger Rum herum, als mit holzigen Schwarzwäldern um ein Kirschwasser sitzend?

Aus einem völlig anderen Kontext verfestigte sich bei mir der Eindruck, Landschaften, Orte oder sogar Architektur seien eine Tür zu einer gemeinsamen konstruierten Erzählung. Ich weiß noch, wie ich während eines interkulturellen Projektes Zugang zu einem syrischen jungen Mann fand. Ich hatte Croissants mitgebracht und er beschrieb mir die französische Bäckerei von Damaskus, in die er als Grundschüler gerne ging. Mir war es bis dahin nicht bekannt. Damaskus soll ein französisches Flair haben. Grund hierfür ist die koloniale Geschichte. Klar, Franzosen waren ja überall. Diese eine städtische Landschaft, Überbleibsel der schmerzhaften Kolonialgeschichte, öffnete uns also eine Tür zueinander, fernab der Geschichte.

Erst kürzlich entdeckte ich in einer Radiosendung über die psychologische Entwicklung von Jugendlichen den Begriff „narrative Identität“. Der französische Philosoph Paul Ricoeur (1913 – 2005) beschrieb das Konzept, das er geprägt hat, so: „Die Identität der Menschen und auch die Identität einer Gemeinschaft entsteht aus der Geschichte heraus, die diese gemeinsam erleben und die sie sich einander erzählen. Darum ist die Identität eines jeden mit den Identitäten aller Anderen eng verbunden. Denn nur weil ich weiß, dass auch der Andere tief in mir lebt und dass ich mich auch selbst über diesen Anderen, der in mir lebt, definieren muss, nur das führt dazu, dass ich mich dann tatsächlich selbst entdecken und verstehen kann.“ Ich empfinde diese Beschreibung als sehr befreiend und ermächtigend. Es liegt an mir meine eigene Geschichte zu schreiben. Es liegt an uns unsere gemeinsame Geschichte zu erzählen. In näherer Zukunft werden immer mehr Menschen aus unterschiedlichen Regionen in großen Städten zusammen leben, also liegt es heute an uns, unsere neue Landschaft der Zugehörigkeit zu erfinden.

Ankommen in Deutschland

In Deutschland angekommen

Am 23. September 2003 habe ich mich zum ersten Mal in Deutschland gemeldet. Ich war im Bürgerbüro, im Rathaus von Flensburg. Es war der Beginn meiner dritten Reise nach Deutschland. Der erste Aufenthalt, der länger als zwei Wochen dauern sollte. Ich sollte als Austauschstudentin genau ein Jahr in Deutschland bleiben. Ungefähr 16 Jahre lebe ich inzwischen in Deutschland. Mein 14-jähriges Ich hatte nach einem Schulaustausch in Brauchschweig beschlossen, für eine gewisse Zeit in Deutschland leben zu wollen. Warum ausgerechnet Braunschweig mich dazu bewegt hat, ist mir inzwischen rätselhaft. Ich werde wahrscheinlich später die Gründe für meine Abwanderung aus Frankreich und meine Einwanderung  – ausgerechnet – nach Deutschland näher betrachten… Aber zuerst, meine Ankunft. Zurück zum Spätsommer 2003: ich erreiche damals ein lang ersehntes Ziel und lande in dem für mich absolut exotischen Flensburger Hafen!

Mein Name ist Lucie.

Ich bin 20 Jahre alt.

Ich komme aus Cherbourg in der Normandie.

Ich bin Französin!

Europäische Gefühle? Äh?

Mehr als diese Paar Vorstellungsätze fallen mir am Anfang nicht ein. Ich bin aus der französischen Provinz in der deutschen Provinz gereist. Und es fühlt sich großartig an. Fremd, bunt, originell und städtisch. Es gäbe sicherlich viel über dieses Mädchen, das ich damals war, zu hinterfragen und zu beleuchten.

  • Warum ausgerechnet Deutschland? (immerhin trennt sie und England seit ihrer Geburt nur ein schmales Meer, der Ärmelkanal… Aus vielerlei Hinsicht war England naheliegend)
  • Welche Großstadtgefühle hofft sie in Flensburg zu finden? (Flensburg? Großstadt? Sie wollte ja raus aus der Provinz…)
  • Und… Was will sie hinter sich lassen? (Wer weg geht, hat immer Gründe, oder…? Ist es nicht so?)

Oder ist ihr Antrieb einfach dieses damalige europäische Gefühl bei der Jugend – Erasmus und so! Wir gehören zusammen. Sie war keine 10 Jahre alt als der Vertrag von Maastricht unterzeichnet wurde. Für sie ist die EU die reale Welt. Sie fühlt sich europäisch – was auch immer es heißt!?

2002, ein Jahr vor ihrer Abreise, kommt die spanisch-französische Komödie „L’auberge Espagnole“ – zu Deutsch Barcelona für ein Jahr – von Cedric Klapisch in den Kinos und wird zum großem Erfolg. Ihr Lieblingsschauspieler Romain Duris spielt die Hauptrolle des Xaviers. Xavier ist charmant, frech, frisch und erlebt ein einfühlsames und ruhiges Abenteuer in Barcelona. Mindestens genauso so naiv und Entdeckungsfreudig wie der charmante junge Mann macht sie sich auf die Reise.

Mit 20 nach Deutschland und 16 Jahre hier

Zu diesem Zeitpunkt ahnt die entdeckungslustige Studentin, mein 20-jähriges ICH also, noch nicht, dass ich heute etwas schmunzelnd Flensburg als meine Heimat bezeichne.

Sie ahnt noch nicht, …

  • Dass ich 2016 einen Deutschen heirate.
  • Dass ich im letzten Jahr ein deutsch-französisches Kind zur Welt gebracht habe.

Sie weiß auch noch nicht, …

  • Dass ich 2006 den deutschen Sommertraum in Bremen mitten in einer hocheuropäischen Atmosphäre sogar auch noch Fußball gucke…

Oder

  • dass ich im Spätsommer 2017 beinah Hochschwanger Plakate mit dem Spruch „Neue Deutsche? Machen wir selbst.“ ertragen muss, mich verletzt und wütend fühle.

Oder…

  • dass ich seit 2016 diesen Schwachsinn, den sogenannten Brexit, und die damit verbundene Angst Europa fiele auseinander miterlebe.

Vor allem hat sie keine Ahnung davon, dass ich heute nach 16 Jahre in Deutschland  – ungefähr so lange wie der Machterhalt von Angela Merkel – ernsthaft überlege, Deutsch zu werden.

Mein 20-jähriges Ich ahnt überhaupt noch nicht viel von Leben. Und vom Leben in Deutschland. Sie ist verliebt und eine Romantikerin. Die Frage „ wie lange willst du hier bleiben?“ belächelt sie in einer Mischung aus Provokation und Überforderung. Was wollen schon 20 Jährige um die Jahrtausendwende von der Zukunft wissen? Was wollten wir damals? Wir waren irgendwie froh und etwas amüsiert, den befürchteten Kollaps mit dem Wechsel vom 1999 zu 2000 überstanden zu haben… und überhaupt verkraftet zu haben. Stellt Euch vor! Es wurde sehr lange in den Medien diskutiert, ob am 31.12.1999 sowas wie das Ende der Welt käme. Nicht nur ich, wir, die Jugend, waren sehr naiv. Wir erholten uns von der Trostlosigkeit der Neunziger. Also wollten wir unsere Ruhe, feiern, reisen… und das Internet! Ach ja,  viele Deutsche wussten 2003 auch noch nicht, dass Angela Merkel ab 2005 und bis heute die erste deutsche Kanzlerin ist.

In Deutschland lange leben

Die deutsche Politik, und die Verhältnisse im Land, waren mir damals natürlich fremd. Inzwischen ist mir wohl klar, dass die deutsche Politik mein Leben viel mehr beeinflusst, als die französische. Vor allem ist es mir inzwischen unerträglich geworden, hier, in dem Land in dem ich lebe, in dem ich ein Kind groß ziehe, in dem ich arbeite und meine Steuern zahle, nicht wählen zu dürfen. Eigentlich wäre die Lösung ganz einfach: als EU-Bürgerin könnte ich mein Wahlrecht in meinem Herkunftsland abtreten und dafür hier, in meinem Land, wählen dürfen. Zeitlich könnte man festlegen, dass ich dieses Recht erhalte, wenn ich länger als eine Legislaturperiode hier lebe – also nach 4 Jahren für den Bundestag. Diese Zeit habe ich längst erreicht. Mein Recht, in Deutschland wählen zu dürfen, habe ich längst verdient. Ich weiß sogar solche Dinge, wie… Wer den Text zur deutschen Hymne geschrieben hat. Anekdotisch! Ja. Aber wer von den vielen Deutschen weiß es schon…? Und wer braucht es? (Übrigens, die Antwort lautet Hoffmann von Fallersleben – u.a. solche Fragen müssen die Leute bei der Einbürgerung beantworten) Aber zurück zum Thema Wahlrecht. Ich könnte als in Deutschland lebende EU-Bürgerin für meine Idee eintreten. Diese taucht übrigens irgendwie immer wieder kurz vor der Wahl auf, um dann genauso schnell wieder zu verschwinden. Aber ich will nicht in die Politik. Außerdem: wie lange soll es gehen? Wie lange soll ich warten, bis ich dann für den deutschen Bundestag wählen darf? So wie die Stimmung in Deutschland und der EU aktuell ist, sehe ich wenig Raum für solch‘ eine schöne Idee! Und mir geht es so: spätestens nach der letzten Bundestags-Wahl spüre ich einen regelrechten innerlichen Druck wählen zu dürfen. Mir ist bewusst, dass eine Stimme nur eine Stimme ist. Aber es ist eine Stimme mehr und nicht irgendeine, sondern meine.

Meine Stimme soll in meinem Land gelten.

Der einzige Weg bleibt erstmal die Einbürgerung.

Als zwischen Ende 2017 und Anfang 2018 die Koalitionsverhandlungen in Berlin sich wochenlang hingezogen haben, war es unklar, ob eine neue Wahl organisiert wird. Mein Mann und ich witzelten etwas verzweifelt darüber, wie schnell ich es schaffen könnte, zwischen Weihnachten und Ostern Deutsch zu werden. Wie lange dauert eine Einbürgerung? Und wie lange braucht man, um Deutsch zu werden? Bin ich nicht schon genug Deutsch?

Wir… Ich… die Franzosen oder wie ich Französin wurde

Mir fällt immer wieder ein, dass ich WIR sage, wenn ich von den Franzosen rede, dass ich mich selbstverständlich sehr stark als Französin verstehe. Das heißt, nicht nur in der Intimität mit meiner Familie, sondern auch in Bezug auf das Land, La Patrie, fühle ich mich sowohl miteinbezogen als auch mitverantwortlich. Die innere Politik und die französische Gesellschaft bewegen und interessieren mich. Natürlich bin ich Französin. Ich bin dort sozialisiert worden und kenne die französische Kultur viel besser als die Deutsche. Als ich während meiner Schwangerschaft erste Schritte in Richtung Einbürgerung unternommen habe, habe ich mich selbst erwischt. Ich wurde emotional. Was werden z.B. meine Eltern sagen? Will ich es wirklich? Ich habe die Einbürgerung seitdem immer wieder vor mir hergeschoben. Ich, die ja immer wieder erzählt hat, Nationalität sei ja nur ein Stück Papier. Bedeutet es mir doch mehr? Dabei habe ich eine gemütliche Situation. Ich muss die französische Staatsbürgerschaft nicht abgeben. Ich kann mir eine doppelte Staatsbürgerschaft leisten. Aber ich ertappe mich selbst dabei, wie ich stundenlang mit dem Deutsch-werden hadere. Echt, Deutsch. Eine echte Deutsche.

Einer meiner Beweggründe, um nach Deutschland – um überhaupt ins Ausland – zu gehen, war es 2003 (so viel weiß ich noch von meinem damaligen Ich) die französische Selbstverständlichkeit, Selbstgefälligkeit würde ich beinah sagen, wenn nicht sogar Selbstverliebtheit, hinter mir zu lassen. Bzw. ich wollte diese zumindest hinterfragen. Ich wollte außerdem einmal spüren, wie es ist, die Andere zu sein. Die, die nicht Zuhause ist. Die Migrantin. Natürlich war es naiv zu glauben, dass ein Erasmus-Austausch dafür ausreicht. Aber ich fühlte und fühle mich immer noch zutiefst anti-nationalistisch und anti-rassistisch. Dieses Gefühl wollte ich überprüfen und bestätigen. Man muss bedenken: 2002 durfte ich zum ersten Mal wählen. Und 2002 war auch jenes Jahr, in dem Le Pen es in der zweiten Wahlrunde der französischen Präsidentschaftswahl geschafft hatte. Das ist nicht anekdotisch. Dieses Datum, den 21. April 2002, markiert den Beginn eines schleichenden Prozesses in Europa. So, dass ich für mein erstes Mal – und ich hatte mich darauf sehr gefreut – verbittert,  zwischen den Rechtextremisten Le Pen und den Konservativen Chirac wählen musste. Ich, die im ersten Wahlgang für den kommunistischen Postbeamten Olivier Besancenot gestimmt hatte! Aus dieser Situation heraus, suchte die junge Studentin, die ich war, eine Art europäisches Abenteuer… Sie wollte nicht mehr nur Französin sein, sondern Europäerin werden. Und doch mit dieser Anmeldung in Flensburg bin ich erst recht Französin geworden. Das war mir nicht bewusst.

Wo Nationalität spürbar wird

Mit dem weichen klischeehaften Akzent wird die Studentin aus der Normandie in Flensburg und im Kreise der Erasmus-Studenten zuallererst nur als Französin wahrgenommen. Ihre Nationalität wird erst in der Fremde hör- und spürbar: bisher war sie eine junge Frau, eine aus der Provinz, eine fleißige Schülerin, eine Studentin aus dem Mittelschicht, eine von vielen… In Deutschland ist sie eine Französin. Und sieht sich anfangs mit einigen Klischees und mit einem bestimmten diffusen Bild von Frankreich und den Franzos*innen konfrontiert. Das falsche Bild hält teilweise immer noch an.

Vor kurzem hörte ich den französischen Schauspieler Roschdy Zem im Radio. Zem ist marokkanischer Herkunft und in den siebziger Jahren in Drancy aufgewachsen. Damals regierte die kommunistische Partei diesen eher armen Vorort von Paris. Im Interview bei France Inter wurde Zem nah einer besonderen Sommerferienerinnerung gefragt. So erzählte er von einem Feriencamp in Ungarn, damals noch Teil der Soviet Union. In dem Interview unterstrich er die Faszination der anderen Jugendlichen für die Jungs aus Frankreich, ihr Stil, ihre Art, ihre Ideen. Er sei offenbar verblüfft gewesen: von dem Kontrast zwischen der Misere, in der er aufwuchs und der Glorie Frankreichs im Ausland. In Frankreich war er ein Niemand, im Ausland ein König! Diese Verschiebung, diese Diskrepanz, war mir sofort vertraut, obwohl ich in komplett anderen Verhältnissen aufgewachsen bin. Als „Eine Person aus…“ repräsentiert man im Ausland plötzlich die grobe Allgemeinheit. Mir wurde oft unterstellt, ich käme aus Paris und kenne mich mit Luxus aus. Einmal sogar staunte jemand darüber, dass ich das Grand Hôtel Ritz in Paris nicht kannte. Oder… nach einer Premiere im Theater stöhnte eine Dame darüber, ihren Prosecco von einer Französin serviert zu bekommen. Oder… vor kurzem… eine Erzieherin meiner Tochter attestierte ihr echte Französigkeit. Sie hatte sich für Schmuck interessiert, mit 16 Monaten. Uns, also denen aus Frankreich und ihren Nachfahren, wird oft irgendetwas glänzend zugeschrieben. Das Prinzip scheint universell: Fremde werden für etwas gehalten, das sie nicht sind. In meinem Fall ist es harmlos. Es gib ja schlimmeres als für eine Luxus-Expertin gehalten zu werden. Sicherlich. Eins steht fest: ich war im Laufe der vielen Jahren hier als Französin immer willkommen. Im Gegenteil manche übertrieben sogar die Gastfreundschaft und freuten sich regelrecht, dass ich als Französin mich ja für Deutschland entschieden habe.

Gleichzeitig habe ich, mit der Entscheidung hier zu leben, eine andere Seite der Medaille entdeckt. Ich musste die Sprache, die Spielregeln in der Gesellschaft und vor allem in der Arbeitswelt lernen. Logisch. Das ist echte anspruchsvolle Arbeit. Manches musste ich einstecken. Ich wurde als junge Frau in gewisser Weise oft auf eine Art sexualisierter Exotik reduziert. Gefühlt muss ich immer noch gegen der Zärtlichkeit meines Akzentes mit großem Bewusstsein auftreten, um ernst genommen zu werden. Ich bekam im Laufe der Jahre zu spüren, wie es sich anfühlen kann, anders zu sein. Auch, wie es sich anfühlt, wenn andere meinen Akzent oder meine manchmal etwas ungenaue deutsche Sprache gegen mich anwenden. Interessanter Weise waren es vor allem Männer, die sich im beruflichen Kontext über meine Fehler sehr amüsierten. Ein anderes Thema.

Mein Aussehen deutet allerdings nicht auf meine Herkunft hin. Das tut es bei niemandem. Natürlich. Aber meine Haut ist weiß. Damit genieße ich das Glück, einer privilegierten Gruppe anzugehören. Ich gehöre zur Mehrheit der Menschen in Mittel-Europa. Ich werde hier nie wegen meines Aussehens diskriminiert. Allerdings erlebte ich einmal eine interessante Zuschreibung. Ich wohne inzwischen ganz im Süden, in Freiburg, in einem internationalen Viertel. Französisch sein ist in Freiburg gewöhnlich. Das Viertel, in dem ich wohne, gilt als arm und wird als sozial schwach abgewertet. Vor drei oder vier Jahren habe ich einen Theaterkurs in einer benachbarten Schule gegeben, in einer Werkrealschule (also, Haupt- und Realschule zusammen). Als ich einmal neben der Schule auf dem Bus wartete kam ich mit zwei Schülerinnen im Gespräch. Sie unterhielten sich über „Die Deutschen“. Ich weiß nicht mehr, wie wir ins Gespräch kamen. Ich wollte wissen, woran sie erkennen, ob jemand Deutsch sei oder nicht. Sie antworteten prompt, das sei sehr leicht zu sehen und ordneten mich als Deutsche ein. Falscherweise. Woran konnten sie es erkennen? Fragte ich. Ihre Antwort: an den Klamotten! Klar. Ich habe keine Ahnung, was ich an dem Tag trug. Aber offensichtlich war mein Stil für diese Mädchen ein Beweis dafür, dass ich in Deutschland zu der Gruppe „Deutsche“ gehöre. Beide Mädchen waren in Freiburg geboren, ihre Eltern nicht. Sie verstanden sich nicht als Deutsche. Mein sozialer Status, den ich durch mein Aussehen ausdrücke, gab ihnen anscheinend genügend Hinweise über meine mögliche Herkunft. Ganz einfach.

Wir… Ich…  äh, also, die Deutschen?!

Ich, also, eine Deutsche? Habe ich mich schon so angepasst, dass mein Aussehen meine Zugehörigkeit verrät? Eine französische Freundin beschreibt uns als „Luxus-Migrantin“ und zögert über das Wort „Migrantin“. Sind wir überhaupt Migrantinnen? Wir sind weiße, Akademikerinnen, aus dem Nachbarland – der Grande Nation – und haben sozusagen keinen Grund hier oder dort zu leben. Unser Einwanderungshintergrund ist ganz privat, die Liebe, und entspricht eher den Zufall. Ich werde oft für meine Sprache gelobt. Man fragt mich, wo ich die deutsche Sprache so gut gelernt habe. Also in der Schule, in der Uni und… Wo sonst, wenn nicht hier? Ich lebe inzwischen fast genauso lange hier, wie ich in Frankreich aufgewachsen bin. In zwei Jahren, wenn die nächste Bundestagswahl ansteht, werde ich volljährig. Also, ich werde bereits 18 Jahre in Deutschland gelebt haben. Reif, um Deutsch zu sein? Ich will bis zu dieser Wahl, meine Einbürgerung angehen, überprüfen und sehr wahrscheinlich durchziehen. Ich will dokumentieren, wie ich Deutsche geworden bin und weiterhin werde. Ich will dabei fragen, was es heißt heute Deutsch zu sein. Was bedeutet es? Was wird es mir bedeuten? Mehr als ein Stück Papier? Ich bin unsicher, woher der Drang kommt, aber ich muss diesen Vorgang – das Deutsch-werden – öffentlich teilen. Vielleicht fordert mich dieses damalige europäische Ich, das mit 20 Jahren dachte, Europa wäre für alle da, zu dieser Fragestellung. Vielleicht reicht es mir nicht mehr, die faschistischen Strukturen, die überall in Europa wuchern, kleinlaut zu kommentieren. Ob dieser bescheidene Beitrag etwas ändert, weiß ich nicht. Vielleicht will ich einfach meiner Tochter eines Tages erklären, warum ich die bin, die ich werde. Sie ist schließlich ein sogenanntes Erasmus-Kind. Die europäische Politik hat mit uns und mit unserem Leben etwas gemacht. Internationalität und Mehrsprachigkeit gehört für uns und erst recht für unsere Kinder zur Normalität. Eines Tages wird sie sich wahrscheinlich über uns heute wundern. Oder auch nicht?

Vor ein paar Wochen waren meine kleine Familie und ich im Urlaub, in der Normandie. In meiner Heimat. Meine Eltern leben nach wie vor in meinem normannischen Dorf. Sie sprechen nur Französisch. Mein Vater lebt in dem Haus, in dem er geboren wurde. Unsere Familie ist eng verwurzelt. Nur ich und eine Schwester von mir sind weiter weg als 20 Kilometer von unserem Dorf gezogen. Meine Schwester kommt ein Mal im Monat zu Besuch. Ich, ein oder zwei Mal im Jahr. Das Rentner-Dasein meiner Eltern kommt den Vorstellung nahe, die die Deutschen als „wie Gott in Frankreich leben“ bezeichnen. Wenn ich die Landschaft meiner Heimat beschreibe, ist es für viele Bekannten schwer zu nachvollziehen, warum ich hier und nicht dort lebe. Das ist ein anderes Thema. Meine Gründe kenne ich. Und irgendwo tief in mir bin ich immer noch dort. Bei meinen Eltern kommt stets irgendjemand vorbei. Das Haus ist ein Bauernhof und mein Vater verkauft seine Kartoffeln vor der Tür. So, wie man es zum Beispiel aus dem Kaiserstuhl hier kennt. Beinah alle wissen, dass ich seine Tochter bin. Irgendwann, stellte er uns jemandem vor. Meine Tochter, meinen Mann und mich. Er stellte uns vor und sagte:

Voilà Les Allemands!

Hier, die Deutschen!

Ich stutzte. Aber es war richtig so… und nur eine Redewendung. Oder, etwas mehr als das? Wir kommen ja „wortwörtlich“ aus Deutschland, wenn wir dort sind. Mir ist aber sowieso bewusst, dass ich für meine Familie ein Stück weit, die Fremde bin. Mein Vater wedelte bei meiner Hochzeit mit EU-Fähnchen. Er ist stolz und berührt zugleich, dass ich die Europäerin der Familie bin. Aber, will ich wirklich Deutsche sein? Bin ich es womöglich bereits? Vor allem werde ich dann eine andere – bessere – Deutsche, wenn ich einen deutschen Ausweis besitze?

Hier ist noch ein interessanter Artikel zum Thema Wahlrecht von Ausländer*innen:

Ausländerwahlrecht in Deutschland – ohne Pass keine Wahl am 11.09.2017 von Karen Bauer in der Sendung „Radio Welt“, BR

Und eine klare und kurze Erklärung dazu:

Wahlberechtigung und Wahlrecht am 11.09.2017 auf welt.de

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